24/7-Gesellschaft – Der BDA hat durch seinen Sprecher, Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer dieses Jahr die Forderung nach Lockerung der Arbeitszeitgesetze in Richtung mehr Flexibilität gestellt. Daimler Personalvorstand Wilfried Porth fordert ebenso flexiblere Arbeitszeiten im Interesse der Unternehmen und Arbeitnehmer. Viele Arbeitnehmer aller Generationen wünschen sich mehr Flexibilität im Alltag für die Möglichkeit der Realisierung von mehr Lebensqualität. Nicht nur die Generation Y hat das Bedürfnis nach einer ausgeglichenen Work-Life-Balance. Bundespräsident Gauck warb vor einigen Monaten vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung dafür, dass Arbeitgeber die Leistungsfähigkeit von hochqualifizierten, über 50-jährigen Arbeitnehmern auf dem Arbeitsmarkt neu bewerten und dies auch in die Praxis umsetzen.

Mediziner und Sportwissenschaftler fordern auf Grundlage von Studienergebnissen schon lange Reformen. Seit Jahrzehnten warnen Wissenschaftler vor den negativen gesundheitlichen Folgen infolge von chronischem Bewegungsmangel und beruflichem und privatem Stress durch Arbeitsverdichtung und hohe Mehrfachbelastungen im Alltag. Das damit einhergehende hohe Maß an Fremdbestimmtheit, denen sich der Einzelne oft nicht entziehen kann, bedingt zudem einen durch Zeitmangel getriggerten ungesunden Lebensstil. Diese ungünstige Konstellation bietet ideale Voraussetzungen für die Entstehung aller bekannten chronischen Volkskrankheiten in der Bevölkerung – trotz eines der besten Gesundheitssysteme der Welt. Die von Arbeitgebern finanzierten Präventionsprogramme, die mitunter erst für Mitarbeiter mit höherem gesundheitlichen Risiko ab Mitte 40 angeboten werden, greifen oft zu spät.

Prof. Heinz Lohmann fragte auf seinem Gesundheitskongress im September 2015 provokant: „Sind Menschen doch nur Autos?“ Der Vergleich passt bei dieser Diskussion insofern gut, denn bei Autos besteht Interesse, mit dem Zeitpunkt der Inbetriebnahme die Einhaltung von Inspektions- und Wartungsterminen gemäß der Herstellerempfehlung die langzeitige Funktionsfähigkeit und die Zuverlässigkeit zu sichern. Denkt man erst über technische Pflege und Reparaturen nach, wenn sich ein kapitaler Schaden nach langem Gebrauch abzeichnet, ist es bekanntlich meistens zu spät. Mit der Gesundheit von Menschen verhält es sich nicht sehr viel anders. Die Folgen von Versäumnissen in der Prävention sind im fortgeschrittenen Lebensalter kaum umkehrbar. Investitionen in die Gesundheit der Arbeitnehmer kommt in der strategischen Investitionsplanung der Unternehmen weniger Bedeutung zu, als den Investitionen in technische Anlagen. Ursächlich ist hierbei die (erwünschte, aber nicht immer bewusste) Eigenverantwortung jedes einzelnen Arbeitnehmers für seine Gesundheit und Fitness über seinen gesamten Lebenszyklus.

Die Prävalenz von Übergewicht und Adipositas, welche einen erheblichen gesundheitlichen Risikofaktor in der Bevölkerung und somit auch auf dem Arbeitsmarkt darstellt, hat in Deutschland in den vergangenen Jahren kontinuierlich zugenommen. 67 % der Männer und 53 % der Frauen sind übergewichtig. 23 % der Männer und 24 % der Frauen gelten als adipös. Prof. Dr. med. Paolo M. Suter, Universitätsspital Zürich, erläuterte auf dem Schweizer Herztag im November 2015, dass die Anforderungen im Alltag die Ausschaltung der regulären Lebensrhythmen in der heutigen 24/7-Gesellschaft zur Folge habe. Der Aktivitäts-Ruhe-Zyklus des Menschen gerate chronisch aus dem Gleichgewicht und bedinge hierdurch eine chronische Erschöpfung. Suter erklärte, der ungünstige Einfluss auf die metabolischen Steuerungsprozesse und falsche Essgewohnheiten unter den modernen Lebensbedingungen mache uns dick und müde. Chronische Erschöpfung gehe einher mit Überernährung und Bewegungsmangel und ist für die Entstehung von chronischen Erkrankungen verantwortlich. Wie schon etliche Experten vor ihm sieht es Suter als eine zentrale Aufgabe der Medizin und der Gesellschaft an, einen funktionellen Lebensstil zu finden und zu fördern. Er fokussiert die (Re-)Synchronisation auf den zirkadianen Rhythmus durch eine Regulation des Tagesablaufs inklusive eines umfangreichen Maß an regelmäßiger körperlicher Aktivität und genügend Schlaf. Ebenso von Bedeutung ist regelmäßiges, nicht zu häufiges Essen. Insofern ist das alles bekannt. Aber man kann es nicht oft genug wiederholen.

Die sogenannten Volkskrankheiten manifestieren sich bei Betroffenen bereits durchschnittlich ab etwa Mitte 40. Dabei stehen vor allem Herzkreislauferkrankungen und orthopädische Erkrankungen im Vordergrund. Dass Arbeitgeber den Produktionsfaktor Human Resource bei Mitarbeitern ab Anfang 50 oft als kritische Investition betrachten, verwundert aus deren risikoaversen Perspektive nicht. Aus einer Publikation von Sascha Rauschenberger ist das Zitat zu entnehmen: “Mit 55 sind wir froh, dass wir die Leute loswerden, weil sie dann wirklich nicht mehr können“.

Ökonomen berechnen für z.B. die medizinische Versorgung von adipösen Patienten und deren Folgeerkrankungen wie Diabetes, Herzkreislauferkrankungen, metabolischem Syndrom etc. in Deutschland Kosten von mehr als 20 Milliarden € p.a.. Diese Kosten gehen in die Lohnnebenkosten ein und führen regelmäßig zu Diskussionen über die Nachteile im internationalen Wettbewerb infolge von zu hohen Lohnkosten. Die volkswirtschaftlichen Kosten durch krankheitsbedingte Ausfälle sind bei den o.g. Kosten noch nicht berücksichtigt.

Alle Beteiligten haben somit aus sehr verschiedenen Perspektiven Interesse, mehr Flexibilität im Arbeitsleben zu erwirken und die Förderung von Gesundheit und Arbeitsfähigkeit über den gesamten Lebenszyklus zu erzielen.

Wir können heute eine sehr große Streuung an körperlicher Leistungsfähigkeit und Fitness bei den über 50-jährigen beobachten. Es absolvieren über 80-jährige regelmäßig Langstrecken- oder Marathonläufe in sogar hervorragenden Zeiten. Es sei an dieser Stelle auf viele andere Sportmöglichkeiten verwiesen, die einen Körper lebenslang fit halten. Zahlreiche internationale Studien mit großen Kohorten belegen die positiven Effekte von körperlicher Aktivität auf Mortalität und Morbidität in allen Alters- und Gewichtsklassen für beide Geschlechter. Auch wenn die Empfehlungen für die optimale Intensität körperlicher Aktivität pro Woche uneinheitlich sind, besteht uneingeschränkte Einigkeit, dass körperliche Aktivität eine grundlegende Voraussetzung für ein gesundes und längeres Leben ist.

Vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung müssen die beteiligten Interessenvertreter das Thema Arbeitszeitflexibilisierung zusammen mit dem Ziel, die Arbeitsfähigkeit der älteren Generationen erhalten zu wollen, führen. Aus all den genannten Gründen sollten neue Arbeitszeitkonzepte immer auch berücksichtigen, dass Arbeitnehmern ausreichend Zeit für Familie, Sport und/ oder andere gesundheitsfördernde Freizeitaktivitäten bleibt. Die Folgen von körperlicher Inaktivität werden bedauerlicherweise oft zu spät erkannt. Es müssen gemeinsam Bedingungen geschaffen werden, mit deren Hilfe die körperliche Fitness und Gesunderhaltung von Arbeitnehmern aller Altersklassen auch im Sinne von Prävention effektiv und nachhaltig gefördert werden. Das körperliche Leistungsvermögen von sogenannten sportlich aktiven „Best-Agern“ zeigt, was tatsächlich möglich ist.

Leistung und Gesundheit sind unter gesundheitsfördernden Rahmenbedingungen keine Frage des Alters!

Artikel von Michaela Serttas, Ärztin

Bild Quellen: Liesa Flemming und Horst Liebetruth